Der Spiegelkobold – Kinderbuch ab 7 Jahren (Auszug)

Die Sage von der Prinzessin der Spiegel

Alle Spiegelprinzessinnen weinten.Sie weinten, wenn es regnete. Sie weinten, wenn die Sonne die Welt in ein goldenes und warmes Licht tauchte. Spiegelprinzessinnen weinten und ihre Tränen waren wie flüssiges Silber, das in winzigen Tropfen ihre Wangen hinab lief. Mit ihren zarten Glashänden fingen sie sie auf und webten daraus kunstvolle Fäden.

Kaum ein Mensch hatte je eine Spiegelprinzessin gesehen, denn sie lebten tief verborgen in den ältesten Bergen, hinter den dunkelsten Wäldern. Dort, wo es keinen Unterschied gab zwischen Tag und Nacht. Spiegelprinzessinnen weinten und erschufen einen mächtigen Zauber. Die klarsten und reinsten Spiegel entstanden aus ihren Tränen. Es waren Spiegel, die die tiefsten Geheimnisse der Menschen enthüllten. Zauberspiegel.

Alle Spiegelprinzessinnen waren einsam, denn stets lebte nur eine von ihnen auf der Welt. Starb sie, wurde eine neue Spiegelprinzessin geboren, die zu weinen begann, sobald sie das Licht der Welt erblickte. Zuerst weinte sie, weil die andere Spiegelprinzessin gestorben war, weil sie so traurig und allein war. Und dann weinte sie einfach weiter. Sie weinte, weil sie sich nicht daran erinnern konnte, dass es jemals anders gewesen war. Sie weinte so lange, bis ihre zarten Glashände zerbrachen und eine neue Spiegelprinzessin ihren Platz einnahm.

 

1. Seltsame grüne Männchen

Seit zwei Stunden lag Leonie auf dem Fußboden ihres Zimmers und starrte Löcher in die Luft. Eigentlich hätte Mama schon längst zu Hause sein sollen, aber wie immer in letzter Zeit verspätete sie sich. Leonie blickte hinüber zu der großen Wanduhr mit ihren bunten Ziffern und den leuchtend orangefarbenen Zeigern. Eigentlich mochte sie diese Uhr – nur im Moment nicht. Der Zeiger war nicht einmal einen Millimeter weiter gewandert, dabei war sich Leonie sicher gewesen, dass mindestens eine halbe Stunde vergangen war. Langeweile war schrecklich. Eigentlich hatte Leonie gedacht, dass sie sich irgendwann daran gewöhnen würde.

„Tut man nicht“, stieß sie hervor. Leonie wusste wovon sie sprach. Seit sie in das neue Stadtviertel gezogen waren, hatte sie ständig Langeweile. Was tat ein zehnjähriges
Mädchen, dessen Freunde eine halbe Weltreise entfernt wohnten, dessen neue Schule furchtbar war und das den halben Tag allein in der Wohnung herum saß? Genau: Nichts!

Schwerfällig richtete Leonie sich auf. Klar, sie konnte sich neue Freunde suchen. Aber wer versprach ihr, dass ihre Mutter nicht gleich wieder beschloss umzuziehen. Und außerdem…

Leonie stand auf und ging im Zimmer umher. Außerdem machte ihr sowieso nichts mehr Spaß. Sie hätte jetzt eigentlich Hausaufgaben machen müssen. Aber wer tat das schon gerne. Leonie nahm irgendein Buch aus dem Regal, blätterte darin und legte es wieder weg, ohne zu wissen, welches Buch sie eigentlich in der Hand gehalten hatte. Sie trat gegen den Fußball, der in der Ecke lag.

HALT!

Fußballspielen in der Wohnung war verboten – spätestens seit dabei die Glastür des Wohnzimmerschrankes zu Bruch gegangen war. Leonie drehte sich um und blickte in den Spiegel, der direkt neben ihrer Zimmertür stand.

Sollte dringend einmal geputzt werden. Drei Schritte, Finger ausstrecken. Tatsächlich! So dreckig, dass man bereits darauf malen konnte. Leonie streckte sich selbst die Zunge heraus, nicht dass das irgendwie lustig war, aber sie wusste sonst nichts mit ihrem Spiegelbild anzufangen. Kinnlange Haare, die wie immer strubbelig zu allen Seiten standen. Da konnte sie kämmen so viel sie wollte, spätestens eine halbe Stunde später sahen sie genauso aus wie immer. Wirr und blond. Und zwar strohblond. Dann diese etwas zu platte Nase und die blauen Augen. „Mandelförmig und kornblumenblau“, behauptete Mama. Wieder streckte sich Leonie die Zunge heraus, grinste. Betrachtete sich von oben bis unten. Durchschnittlich, würde sie sagen. Zumindest für ihr Alter nicht zu klein, obwohl sie gerne ein, zwei Köpfe größer gewesen wäre. Wie Jonas, ihr bester Freund in der alten Schule.

„Guten Tag“, sagte Leonie.

„Guten Tag“, antwortete eine leise Stimme. Das war nicht lustig. Leonie kratzte sich am Kopf. Vielleicht sollte sie sich langsam Sorgen machen. Sie bekam eindeutig Hallusini… Hallusina… na jedenfalls das, wo man Dinge sah und hörte, die gar nicht da waren. „Das ist nicht lustig“, sagte sie dieses Mal laut.

„Doch“, kicherte die Stimme. Leonie wirbelte herum und erstarrte.

„Wer… bist… du?“ Sie brachte den Satz nur sehr, sehr langsam hervor. So etwas hatte sie tatsächlich noch nie in ihrem ganzen langen Leben gesehen. Klein und ziemlich grün. Gritzegrün. Scheußlich grün. Ein Männchen, etwa einen halben Meter groß. 68 Zentimeter, um genau zu sein. Aber das konnte Leonie natürlich nicht wissen. Wieder kicherte das Ding. Leonie starrte es an. Vielleicht waren die grüne Haut und die spitzen Ohren gar nicht das Schlimmste. Pinke Haare. Und wie pink. Und sie standen wilder zu allen Seiten als Leonies. Und das sollte tatsächlich etwas heißen.

„Mara“, sagte das Ding, „ich heiße Mara.“

„Aha…“, war alles, was Leonie hervor brachte. Dann starrte sie das Ding weiter an, wippte dabei etwas nervös mit dem Fuß, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du bist gar nicht da, oder?“ fragte sie dann.

„Doch!“ Das Ding nickte energisch mit dem Kopf. Leonie schnaufte.

„Aber grüne Männchen gibt es doch gar nicht.“

Und damit hatte sie etwas ganz Falsches gesagt. Das Ding rollte wild mit den Augen und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich mag zwar grün sein“, stieß es hervor und für einen Moment glaubte Leonie kleine Rauchwölkchen aus den Ohren hervorquellen zu sehen, „aber ich bin gaaaaaanz sicher kein MÄNNCHEN!“ Das Ding kam drei Schritte näher und Leonie wäre am liebsten zurück gewichen, aber das ging nicht. Da stand der Spiegel. Und das DING sah wirklich wütend aus. Vielleicht hatte es Tollwut und war bissig?

„Iiiiich…“, das Ding zitterte vor Zorn, „bin erstens ein Kobold und zweitens ein MÄDCHEN!“ Beim letzten Wort beugte sich das Ding, der Kobold um genauer zu sein, nach vorne und kleine Fetzen von Spucke flogen durch die Luft. Eklig, dachte Leonie, traute sich aber nichts mehr zusagen.

Dann grinste das Ding plötzlich ganz breit und entblößte eine Reihe makellos weißer Zähne. „Oder denkst du etwa, jemand würde einen Jungen Mara nennen? Das wäre schon reichlich blöd.“ Und dann streckte der Kobold Leonie eine Hand entgegen. „Freut mich übrigens dich kennen zu lernen, Leonie.“

Leonie starrte auf das grüne Etwas von einer Hand. Nein! Der Gedanke dieses Ding zu berühren, gefiel ihr gar nicht. Aber nichts zu tun, wäre unhöflich. Nicht, dass Leonie wirklich Wert auf Höflichkeit legte, aber nach dem letzten Wutanfall des Dings erschien es ihr nicht ratsam, es auch noch zu beleidigen. Zögernd streckte sie die Hand aus. Das Ding fasste zu. Warm und überhaupt nicht eklig. Weiche Haut, fast wie Samt und gar nicht glitschig, wie Leonie schon aufgrund der grünen Hautfarbe erwartet hatte.

„F…fff…freut mich auch“, sagte Leonie zögernd. Sie spürte, wie ihre Wangen leicht erröteten, dieses unangenehme Kribbeln auf der Haut, das sie immer bekam, wenn sie log. „Du…du bist also, also… ein Kobold?“

Das Ding nickte energisch und dabei wippten die pinken Haare auf und ab. Dann sah das Ding Leonie an. Mit violetten Augen in denen silbrige Tupfen aufgeregt blinkten. Violette Augen! Das war Leonie bis dahin noch gar nicht aufgefallen, auch nicht, wie groß sie waren.

„Ich weiß… ich weiß…“, Mara kratzte sich scheinbar verlegen an der Stirn, „der Name ist nicht gerade üblich für Kobolde.“

„Nicht?“ Leonie runzelte die Stirn. Als ob sie eine Ahnung davon hatte, wie Koboldnamen zu sein hatten. Ganz abgesehen davon, dass Kobolde nicht existierten und sie immer noch glaubte, vor lauter Langeweile zu träumen.

„Nein, ganz und gar nicht! Eigentlich machen sich alle darüber lustig, vor allem
meine Cousinen und Cousins. Dabei sind deren Namen wirklich nicht besser“, wie immer wenn sie sich aufregte stemmte Mara die Hände in die Hüften, „mein ältester Cousin, zum Beispiel, einen dämlicheren Namen hab ich nie wieder gehört. Stinkezeh! Weil sein großer Zeh – und der ist wirklich groß – so sehr stinkt, dass alle in seiner Nähe eine Nasenklammer aufsetzen müssen. Und dass schon seit er aus dem Ei geschlüpft ist…“

Leonie schüttelte sich bei dem Gedanken an einen stinkenden Koboldzeh. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass Kobolde äußerst schlecht riechen konnten und jeder Mensch bei Stinkezehs Geruch sofort in Ohnmacht gefallen wäre. Das Ding sprang auf und ab, verdrehte den Körper, dass er beinahe aussah wie eine Spirale. Der grüne Kobold atmete tief ein und hielt sich die Nase zu.

„Was machst du da?“ fragte Leonie.

„Ungefähr so sieht das aus, wenn meine vergessliche Großmutter mal wieder ihre Nasenklammer verlegt hat!“ Das Ding lachte – so laut und quietschend, dass es in den Ohren wehtat. Aber auch Leonie musste grinsen. Vielleicht war das der Moment in dem „das Ding“ für Leonie zu Mara wurde, einem zwar seltsamen, aber doch irgendwie ganz netten Koboldmädchen.

 

Der Spiegelkobold als E-Book bei Amazon

Print-Fassung erscheint am 9. August

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